Walt Weiskopf Quartet | 23.02.2024

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Nicht zum ersten Mal dreht es sich nach dem Konzert wieder mal um den Schlagzeuger. Ist er, wie häufig im Neuburger Hofapothekenkeller kolportiert wird, „viel zu laut“ gewesen, oder gehört das schlicht zu dieser energetischen, druckvollen Performance, die das Quartett um den amerikanischen Tenorsaxofonisten Walt Weiskopf abgeliefert hat? Die Diskussionen darüber wirken wie ein konditionierter Reflex. Natürlich hatte Anders Morgensen, so der Name des „bösen Buben“, wie schon im Januar 2020 seine Drumsticks und vor allem die sensible Akustik des Gewölbes während des zweistündigen Konzertes nie unter Kontrolle, er ignorierte selbst in den ruhigeren Stücken wie Alex Northʼ „Spartacus“ die mehr auf unverstärkte kammermusikalische Innerlichkeit ausgerichteten Rahmenbedingungen und prügelte stattdessen lieber mit einer Brachialgewalt auf die Snare ein, die ihn auch in einer Rockband locker gegen drei E-Gitarren nicht hätte untergehen lassen.

Aber vielleicht könnte es ja auch sein, dass Walt Weiskopf, der mittlerweile 64-jährige Birdland-Dauergast („Ich bin seit 1989 regelmäßig hier und liebe es, in Neuburg zu spielen!“), genau diese Art von Powerdrummer haben wollte, um seinem auf Volldampf und Adrenalin ausgerichtetem Spiel mit einem PS-starken Turbomotor erst richtig die Sporen zu geben? Nach mehreren Besetzungsänderungen im Laufe der Jahrzehnte hat sich der Tenorsaxofonist inzwischen auf eine rein dänische Begleitcrew eingelassen, die offenkundig seinem kreativen Entfaltungsspielraum bislang verschlossene Türen öffnet. Selten nämlich klang Weiskopf „straighter“, entschlossener, direkter auf den berühmten Punkt kommend, sich weniger in schrillen Synkopen-Gimmicks oder schrullig-verschachtelten Überblastricks verlierend und vor allem die Bedürfnisse des Publikums befriedigend, als diesmal bei seinem Gastspiel im Keller. Der übrigens abermals bis auf den allerletzten Platz besetzt war. Erstaunlich angesichts derselben Besetzung wie vor gut vier Jahren und der zu erwartenden „Lärmexzesse“.

Eines wird dabei schnell klar: John Coltrane, sein lebenslanges Vorbild am Tenorsaxofon, kopiert er längst nicht mehr. Das hat der mit allen Wassern des Business gewaschene Glatzkopf aus Augusta/Georgia nach vier Jahrzehnten und Engagements bei Frank Sinatra, Steely Dan, dessen Mastermind Donald Fagan und Buddy Rich auch nicht mehr nötig. Von den teilweise nervigen Endlosimprovisationen früherer Tage hat sich Walt Weiskopf hörbar weiterentwickelt; zu einem interessanten Komponisten mit feinem Gespür für Nuancen, was Titel wie „The Blues You Played Last Summer“, „Night Vision“ oder „Heads In The Clouds“ eindrucksvoll belegen. Und er schafft es, ein Solo logisch zu strukturieren, es behutsam aufzubauen und die Musiker in seiner Umgebung als willkommenen Farbtupfer zu begreifen. Der unwiderstehlich bluesig perlende Pianist Carl Winter zum Beispiel oder der eine mächtige Groovelinie durch das Birdland ziehende Bassist Andreas Lang.

Für Walt Weiskopf ist es, Lautstärke hin oder her, eine Art Nach-Hause-Kommen, vielleicht auch die Vollendung und Perfektionierung eines langen Weges, der bei Coltrane begann und nun in einer eigenen Klangsprache ein Happyend gefunden hat. Dass er dabei in „See The Pyramid“, dem irrwitzigen Höhepunkt des Abends, immer noch wie ein Ski-Abfahrtsläufer im rasenden Tempo die Skalen-Piste hinunterbrettert und einen glühenden Strom instrumentaler Lava hinter sich herzieht, erinnert natürlich wieder an das große Vorbild. Aber wer mag es dem Amerikaner und seinen drei dänischen Sidekicks auch verdenken, dass plötzlich riesige Akkord-Pranken auf dem Piano landen, die Basssaiten treibend peitschen und das gesamte Drumset wie ein donnerndes Gewitter grollt? Das alles ist einfach bewährt, gut, heiß und schlicht der Wahnsinn! Da lohnt es sich auch, einen etwas über das Ziel hinausschießenden Schlagzeuger in Kauf zu nehmen. Er gehört nun mal dazu!