Jason Seizer Quartet | 05.04.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

Am Schluss des Kon­zerts wirkt die Zugabe, diese wunder­schöne Fassung des Ellington-Klassikers „In A Sentimental Mood“, fast wie eine Heimkehr in vertraute Gefil­de, das ent­spannte Ende eines musikali­schen Tripps nach zwei Stunden mit doch ziemlich ei­genwilligem Modern Jazz, während de­rer einem immer wieder Schlagworte wie „Reduktion“ oder Flos­keln wie „We­niger ist manchmal mehr“ durch den Kopf gehen.

Der Abend beginnt damit, dass der Te­norsaxofonist Jason Seizer die beiden Trio-Alben, auf denen er sich mit Film­musiken beschäftigt hat – nämlich „Ci­nema Paradiso“ von 2015 und „Vertigo“ von 2020 – komplett links liegen lässt und statt dessen ausschließlich brandneu­es Material spielt. Zusammen mit Pablo Held am Piano, der bei anderer Gelegen­heit im Birdland schon öfter für Begeis­terungsstürme gesorgt hat, mit dem erd­verbundenen dänischen Kontrabassisten Jo­nas Westergaard und mit dem vielseiti­gen Fabian Arends am Schlagzeug geht es ihm vielmehr um Stücke wie das für seine Enkelin geschriebene „Mathilda“ oder um einen musikalischen Nachruf auf seinen kürz­lich verstorbenen Freund, den Pianis­ten Walter Lang.

Seizer sei „ein Freigeist, ein sperriger Eigenbrötler, der höchste Ansprüche an sich selbst stellt“, hat ein Kollege ver­mutlich nicht ganz zu Unrecht über ihn geäußert. Das spürt man auch beim Kon­zert. Das erste Stück aus seiner Feder mit der Bezeichnung „Corrections“ ist schwer zu greifen, Mitte der ersten Hälf­te bei einem Blues mit Titel „Shadwos“ tut man sich schon etwas leichter und später, als mit „Jungle Beat“ aus dem „Dschungelbuch“ dann doch noch die einzige Filmadaption des Abends er­klingt, hat man sich eingehört, ist man mit an Bord bei diesem Ausflug in den Bereich der Reduzierung, in dem jeder einzelne Ton des Saxofonisten, des Pia­nisten oder des Kontrabassisten so viel mehr zählt als ein rasantes Solo.

Seizer ist der Guide, der Komponist, und die Kollegen schließen sich ihm an. Keiner ist ein Vielspieler an diesem Abend, keiner gibt auch nur annähernd Vollgas, jeder ist dem Konzept der redu­zierten Mittel verpflichtet. Das Birdland-Konzert ist das erste im Rahmen einer kleinen, einwöchigen Tour, aber dennoch gibt es nichts, was erst noch eingeschlif­fen werden müsste. Die Musiker koope­rieren perfekt, dass die Verbindung zum Publikum aber erst in der zweiten Hälfte wirklich zustande kommt, dass es keiner­lei Szenenapplaus auf freier Strecke gibt, ist nachvollziehbar. Zum einen deswe­gen, weil die Soli nicht voneinander ab­gesetzt sind, sondern ohne deutliche Nahtstellen auseinander hervorgehen. Zum anderen, weil man sich erst einmal zusammenraufen, einhören und einlassen muss auf diese Reise, deren Ziel man zu Beginn noch nicht kennt, man erst erfah­ren muss, dass man sich am besten am Kontrabass orientiert, weil der für die Erdung der weiten Bögen sei­ner Kolle­gen zuständig ist, um dann zu erkennen, dass sich allmählich doch alles run­det. Zuerst mit einer Pablo Held-Kompositio­n zum Ende des regulären Pro­gramms, die eine gänzlich andere Hand­schrift ver­rät als die Seizer-Stücke vor­her, dann mit der erwähnten Zugabe. Das Jason Seizer Quartet? – Keinesfalls Mu­sik für Ne­benbei. Im Gegenteil: Wer alle Facetten dieser Stücke ausloten will, ist erst ein­mal ziemlich intensiv beschäftigt. Aber dafür anschließend auch bereichert.