Frank Wingold Trio | 22.03.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

Er lasse sich ja von der Quantenphysik inspirieren, offenbart der Gitarrist Frank Wingold ziemlich zu Be­ginn Konzerts mit einem Augenzwin­kern, und er verfolge dabei die Ideen der Verschränkung, der Synchronizität und der Zusammenführung musikalischer Aspekte auf unterschiedlichen Levels. Zugegeben, auf einen Zusammenhang dieser Art mit dem, was als hörbares Er­gebnis bei diesem in allen Belangen überragenden Konzert dann am Ende herauskommt, wären wohl die wenigsten im Birdland-Gewölbe von selbst gekom­men.

Theorie ist das eine, Praxis das andere. Zuerst einmal ist man sprachlos, und das nicht ohne Grund, denn der Mann an der siebensaitigen Gitarre erschließt seinem Publikum mit seinen Kompositionen zwar nicht unbedingt ein gänzlich neues Universum, aber er ist nahe dran, wenn er wie mit einem akustischen Beamer immer wieder opulente Farbsequenzen auf die Trommelfelle seiner Zuhörer­schaft projiziert, mit Motiven und Riffs spielt, polyrhyhtmische Abläufe zum Prinzip fast all seiner Kompositionen er­klärt, die dabei alles andere als verkopft wirken. Im Gegenteil: Der Groove bleibt immer präsent, auch wenn keiner der Musiker sein Augenmerk permanent auf die Eins legt und statt dessen die Beto­nungen ständig wechseln.

Welch tolle Kollegen hat sich Wingold da 2018, im Gründungsjahr der Formati­on, dauerhaft in die Band geholt. Robert Landfermann am Kontrabass und Jones Burgwinkel am Schlagzeug sind einzeln die absolute Creme im deutschen Jazz, zusammen sind sie unschlagbar. Was die beiden, zusammen mit Wingold als kom­positorischem Strippenzieher, im Bird­land veranstalten, ist wahrlich sensatio­nell. Exzellenter, transparenter, kraftvol­ler, stets präsenter Sound, eine souveräne Spritzigkeit, die ihresgleichen sucht, un­trügliches Gespür für die passende Fi­gur im passenden Moment, improvisato­risches Genie und höchste Disziplin in den vielen auskomponierten Teilen.

Das Repertoire stammt aus den Alben „Entangled Music“ und „Hiatus Blues“ und umfasst Stücke wie das auf einer permanenten Klangschleife basierende „Flare“ oder „Bipolar“, dem man trotz fehlender übermäßiger elektrischer Ver­stärkung durchaus verwandtschaftliche Beziehungen zu „Fracture“ oder „Provi­dence“ von King Crimson attestieren könnte. Bei „Thought You’d Never Ask“ leistet sich die Band einen Ausflug in melodisch sonnige und lichtdurchflutete Regionen, stampft dann feurig dampfend durch „Singularity“, bis schließlich Win­gold bei „Monolith“ sogar noch den Gi­tarrenverzerrer anwirft, bevor es ange­sichts von „Mr. A Is Busy Today“, das er für seinen Sohn an dessen ersten Tag im Kindergarten geschrieben hat, wieder deutlich entspannter zugeht.

„Das folgende Stück dreht sich um den Erregungszustand von Molekülen“, sagt Wingold, bevor er „Nucleus“ anstimmt und das Konzert sich dem Ende nähert. „Ich vermute das zumindest“, fügt er – erneut mit Augenzwinkern – hinzu, was die Ernsthaftigkeit seiner Inspirations­quelle doch deutlich relativiert und wo­mit sich der anfangs geöffnete Kreis schließt. Unabhängig jedoch von allem theoretischen Überbau: Das war ein bä­renstarkes, ja, sensationelles Konzert mit drei Musikern, die in dieser Konstellati­on vermutlich unschlagbar und hierzu­lande das der­zeitige Maß aller Dinge sind.