Emile Parisien Quartet | 06.03.2020

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

„Double Screening“ heißt die aktuelle CD des französischen Saxofon-Shootingstars Emile Parisien. Genauso nennt man eine bestimmte Aufspaltung der Wahrnehmung, eine besondere Form des Multitaskings. Wenn jemand beispielsweise einen Film auf einem iPad schaut und zur selben Zeit Facebook auf dem Smartphone nutzt, dann ist das „Double Screening“. Vielleicht auch digitale Verzettelei. Über deren Folgen klärte Parisien jetzt bei seinem zweiten Neuburg-Gastspiel auf – aber so analog, musikalisch entschlossen und grandios, wie dies nur einer Zukunftshoffnung des Jazz möglich ist.

Auf den 37-jährigen Franzosen hagelte es Auszeichnungen und hymnische Kritiken, seit sein letzter Ton im April 2017 im Birdland verklang. Was damals vor vollem Haus über die Bühne ging, hätte sich angesichts der gewachsenen Popularität des Protagonisten diesmal unbedingt wiederholen müssen. Doch selbst im beschaulichen Neuburg gibt es offenbar inzwischen erste Auswirkungen der Corona-Angst und eine gewisse Reserviertheit im Ausgehverhalten der Menschen zu spüren. Anders lassen sich die ungewöhnlich locker besetzten Stuhlreihen im Hofapothekenkeller kaum erklären. Parisien wäre jedoch nicht der gefeierte Jungstar, wenn ihn dies in seiner Spielfreude gebremst hätte. Mit ansteckender Leidenschaft, überbordender Fantasie und frappierender Virtuosität öffnen er und seine organisch aufeinander abgestimmte Freundescombo unerschöpfliche Weiten, die kein www. brauchen.

Parisien macht Musik nicht nur des schönen Klanges wegen. Er verpackt die Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft in aufrührerische, emotionale, packende Klänge. Was tun wir, wenn wir mal nicht mit unserem Smartphone verbunden sind? Wenn wir mal nicht aufs Tablet schauen und nicht vor dem Bildschirm sitzen? Kann man noch improvisieren in einer Welt, die zunehmend von Algorhythmen bestimmt wird? Gibt es Raum für Poesie in einer Gesellschaft, die immer mehr mit künstlicher Intelligenz verschmilzt? Die Antworten stecken in Titeln, die Namen wie „Algo“, „Hashtag“, „Malware Invasion“ oder „Daddy Long Legs“ tragen.

Der Primus inter pares und seine enorm flexible, fordernde Band mit dem Pianisten Julien Touéry, dem Bassisten Ivan Gélugne und dem Schlagzeuger Julien Loutelier kreieren dabei einen Klangraum, der die Digitalwelt nachstellt. Aber nicht so, wie man zunächst denken würde. Die Musik von Emil Parisien und Co. kommt ganz ohne Laptop, Sequenzer und Sampler aus. Das Quartett musikalisiert Haker und Aussetzer von CDs, das Ruckeln von digitalen Files, das Flackern von Bildschirmen mit traditionellen Instrumenten. Dabei entsteht ein schwindelerregendes Switchen zwischen sich widersprechenden Stilen und Rhythmusebenen.

Einerseits besticht Emil Parisiens Tongebung und Klangkultur auf dem eigentlich in hoher Tonlage angesiedelten Sopransaxofon, das er wie ein orientalisches Blasinstrument in mystisch dunkle Tiefen führt. Zum anderen überrascht die Struktur der Stücke, ihr feiner, spannender, erzählerischer Duktus, bei dem die Band bewusst Malware hineinschmuggelt, also Schadsoftware, Trojaner, die den musikalischen Fluss urplötzlich ins Taumeln, Schliddern und Kippen bringen. Turbogeschwindigkeit bestimmt das Tempo. Dann gibt es aber immer wieder kurze, ruhige Zwischenspiele, lyrische Intermezzi voller Feeling, und Power-Swing in aberwitzig synkopengespickten Neobop-Höllenritten, die einem schier den Atem rauben.

Alle vier Musiker sorgen für improvisatorische Geistesblitze. Touéry präpariert den Flügel so originell, dass ein John Cage glücklich gewesen und vielleicht sogar noch zum Jazz konvertiert wäre, wenn er zudem Gélugne bei seinen wilden Eskapaden am Basskorpus erlebt hätte. Julien Loutelier, der Jüngste (und einzige Nicht-Brillenträger) der Band, entpuppt sich am Drumset als ständiger kreativer Unruheherd. Der Reiz der Datenströme, die Lust, sich in der Welt der Bits und Torrents zu verlieren, steckt ebenso in dieser faszinierenden Musik, wie jede Menge trockener Humor und bittere Ironie. Ein vielbeklatschtes Bravourstück mit Tiefenwirkung.