Dieter Ilg Trio “Ravel” | 16.02.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

Maurice Ravel? Stammt von ihm nicht „Boléro“, eine dieser Kompositionen, die sogar Leute kennen, die sonst so gut wie gar nichts kennen aus dem Bereich der Klassik? Stimmt, und das kommt nicht von ungefähr. Frank Zappa und Colosseum haben das Stück für den Rock-Kontext aufbereitet, Jacques Loussier tat nämliches einst für den Jazz, und Dieter Ilg widmet dem großen Impressionisten (1875 – 1937) aktuell ein ganzes Album und ein Kon­zert im restlos ausverkauften Neuburger Birdland Jazz­club.

Ravel zieht das Publikum an. Gleiches gilt für den Jazzer Ilg, der ähnliches wie hier auch schon mit Beethoven, Bach, Verdis Otello und Wagners Parzival ins Werk gesetzt hat, so dass sich im Gewöl­be unter der ehemaligen Hofapotheke an diesem Abend wieder mal zwei Fraktio­nen treffen und am Ende treulich vereint begeisterten Applaus spenden. Ilg, der Geschichtenerzähler am Kontrabass, hat die Arrangements geschrieben, Rainer Böhm, der am Flügel beidhändig seine Kreise zieht und mit all seiner Klasse da­für sorgt, dass das Konzert nicht nur die Jazz meets Klassik-Freunde anspricht, sondern auch in die Reihe „Art Of Pia­no“ übernommen wird, ist überragend. Und Schlagzeuger und Perkussionist Pa­trice Héral sorgt mit all seiner Kreativität und seinem an Facetten so überreichen Spiel dafür, dass so manche der Kompo­sitionen Ravels klingt wie gerade eben neu für die­sen Abend geschrieben.

Ravel, der zusammen mit George Gers­hwin schon mal durch die Jazzclubs New Yorks gezogen ist, um sich dort Duke El­lington anzuhören, ist Jazz nicht fremd. Vielleicht eignet er sich deswegen so gut für die Bearbeitung Ilgs. Im Laufe des Abends stellt sich immer wieder die Fra­ge: Wo hört Ravel auf, wo fängt Ilg an? Die Antwort ist müßig, denn hier geht es nicht um trennende Elemente, sondern um verbindende. Der Klassikfreund er­kennt natürlich die The­men von „“Pa­vane Pour Une Infante Dé­funte“, des „Valse II“ oder des „Adag­io Assai“ auf Anhieb, wer lieber Jazz hört, erfreut sich an den von Ilg perfekt in die Abläufe ein­gebetteten Soli. Noch interessanter frei­lich als das ist die Art und Weise, wie al­les an diesem Abend auseinander hervor­geht, wie selbstverständlich sich alles bedingt, wie Grenzen ignoriert wer­den und mit welcher Eleganz hier auf Schub­laden gepfiffen wird.

Das Klangbild ist edel. Böhm findet für jede Passage den idealen Anschlag. Warm, zärtlich oder kraftvoll, zupa­ckend. Héral ist ein technisch extrem gu­ter Drummer, der mächtig Gas geben kann, aber die Passagen, in denen er als der für das Intro Verantwortliche schein­bar auf der Suche ist, bevor er sich auf eine rhythmische Variante festlegt, sind noch beeindruckender. Und Ilg, der Mann mit dem wunderbar warmen und doch so kräftigen Sound, gibt die Rich­tung vor. Seine Umspielungen der Ra­vel’schen Themen, seine begleitenden Patterns und seine niemals überladenen Soli sind absolut beeindruckend.

Und „Boléro“? Der Klassiker darf na­türlich nicht fehlen. Die meisten Einspie­lungen setzen auf die enorme Power des Stücks. Ilgs Version an diesem Abend hingegen ist eine wunderschöne Alterna­tive. Fast scheu outen sich Thema und Rhythmus, fintenreich und durchsetzt mit neuen Ideen zuhauf, läuft Ravel’s Pa­radestück bei Ilg neben der üblichen Spur ab. Tolle Version! So kann es ge­hen, wenn Seelenverwandte sich nach 100 Jahren treffen.