A Tribute To The Modern Jazz Quartet (Henzi, Dobler, Oester, Baschnagel) | 13.10.2023

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Es lohnt sich, zurückzublicken. Auf den März 1990 beispielsweise. Damals gastierte das legendäre Modern Jazz Quartet, kurz MJQ, im Stadttheater; das erste größere Konzert des wiederbelebten Birdland Jazzclubs und für die Stadt eine veritable Sensation. Alles war auf den Beinen, um die amerikanischen Pioniere des Klassik-Jazz zu erleben, in Neuburgs Musentempel saßen und standen die Leute dicht gedrängt bis in den zweiten Rang hinauf, heute aus feuerpolizeilicher Sicht ein absolutes No-Go, und Birdland-Impresario Manfred Rehm schwärmt immer noch von dem dichten, intensiven, sich ständig auf Zehenspitzen bewegenden Ereignis.

Nächster Rückblick: September 2000. Die Neuburger Barockkonzerte öffneten ihr Programm erstmals für moderne Strömungen, für Seitenarme, suchten eine Art Crossover zwischen Klassik und Jazz, das vor 23 Jahren noch „Art Baroque“ hieß und als Premierengast den großen italienischen Grenzgänger Enrico Pieranunzi am Piano vorsah. Bis heute gibt es sowohl die Jazzkonzerte im Hofapothekenkeller wie auch die euphorischen Geschichten um das Modern Jazz Quartet („Ich war dabei!“). Mithin eine perfekte Plattform für das Quartett um den Schweizer Vibrafonisten Thomas Dobler, der als programmatischer Bestandteil der 76. Neuburger Barockkonzerte die Chance beim Schopfe ergriff, um im gebührenden Rahmen dem MJQ die Ehre zu erweisen, das vielen Formationen einen faszinierenden musikalischen Weg aufzeigte.

Natürlich sind Dobler, der Pianist Philip Henzi, der Bassist Bänz Oester und der Schlagzeuger Nicolas Viccaro anders als die Helden der Vergangenheit, und zum Glück wollen die vier auch nicht als billige Kopie beim Publikum punkten. Sie sind und bleiben eine Jazzcombo reinsten Wassers, die ihre Schlüsse aus den genialen instrumentalen Arrangements gezogen hat. Es ist eine völlig andere Gangart, mit der sie durch die Themen fliegen, natürlich elegant, aber eben anders elegant – mehr auf das jazztypische Solo ausgerichtet, als auf den traumwandlerischen Ensembleklang der Vorbilder. Es swingt nach allen Regeln der Kunst, und dem nicht unbedingt vordergründig auf Bach-Fugen fixierten Publikum im gut besuchten Birdland, das sich lautstark und ganz Klassik unüblich gleich zwei Zugaben erklatscht, gefällt es ganz offensichtlich. Hier geht es längst nicht mehr darum, wieviel Prozent des Dargebotenen nun Klassik und wie viel Jazz waren. Die Wirkung ist das Entscheidende!

Während Thomas Dobler, der sich immer wieder mit dem Klavierspiel von Philip Henzi verschränkt, im ersten Set eine Reihe von Hommagen auf das MJQ offeriert, lockern die Eidgenossen nach der Pause nahezu alle ihre (klassischen) Fesseln und marschieren einfach drauflos, lassen Bud Powell und Chick Corea (also echte Jazz-Archetypen) hochleben, und bemühen sich zwar immer wieder, dem Signum „Barockkonzerte“ gerecht zu werden, etwa mit der launigen Eigenkomposition „Bachinsky“, dem Leipziger Thomaskantor und einem polnischen Kollegen gewidmet. Aber selbst in der Zugabe, die wie ein klassisches Präludium beginnt, schaffen sie es gerade mal vier, fünf Takte lang, sich mit diszipliniertem Notenspiel im Zaum zu halten, um gleich danach wie ein wildes Pferd aus dem Gatter auszubrechen. Die Kraft des Swing behält ganz klar die Oberhand über den Kontrapunkt.

Vielleicht hätten ein paar erklärende Worte zu „Django“, dem Erkennungsstück des Modern Jazz Quartets und zur faszinierenden Besonderheit dieser Band mit Neuburg-Vergangenheit, gutgetan. Aber natürlich ist es ein Konzert und keine Lesung, natürlich steht die Musik immer noch im Vordergrund. Und ja: Es sind halt Jazzer voller Adrenalin, mein Gott! Aber richtig gute. Zum Glück!