Jesse Davis Quartet | 27.01.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

Jesse Davis, 58, Altsaxofonist aus New Orleans, groß geworden im Dunstkreis der legendären Marsalis-Family, ist heute einer der führenden Vertreter seines Instruments in den USA. Jedesmal, wenn er ins Birdland nach Neuburg komme, sagt er, verspüre er diese ganz spezielle Energie, die ihn unweigerlich dazu zwinge, als Musiker alles zu geben. „Das kommt von euch“, ruft er in den restlos ausverkauften Saal, „Musiker spüren das.“

„You got the power, we got the music!“ Und dann geht es los. Zuerst mit der Doppelkomposition „Pray To Be Free/ The Release“ aus eigener Feder, dann mit „Tenderly“, dem Klassiker von Walter Gross. Davis, der dafür ein neues Arrangement geschrieben hat, legt all seine Leidenschaft in dieses wunderbare Stück Musik. Mit jedem Chorus öffnet er eine neue Tür, hinter der sich ungeahnte Klanglandschaften auftun. Man spürt die Absicht deutlich bereits bei diesem, dem zweiten Stück des am Ende über zweistündigen Abends: Dieses Konzert soll ein ganz besonderes werden. Und es wird ein ganz besonderes. Die ganze Zeit über ist da eine innige Verbindung zwischen den Musikern und ihrem Publikum. Die „Vibrations“ sind fast mit Händen greifbar. Es ist schon ein Unterschied, ob – wie es im Birdland, das ja ein Club ist und kein Konzertsaal, die Regel ist – die Künstler bereits Applaus bekommen, bevor sie überhaupt die Bühne erklommen haben, oder ob sie – wie anderswo durchaus nicht unüblich – gegen den Kneipenlärm anspielen müssen. Hier begrüßt man sie erst einmal nur dafür, dass sie da sind und nicht für irgendeine Leistung. Davis weiß das zu würdigen.

Es baut sich ein regelrechtes Kraftfeld auf, in dem das, was draußen vor der Birdland-Tür passiert, was gestern war oder morgen sein wird, zweitrangig wird. Der Augenblick zählt, und der ist großartig. Nicht zuletzt auch wegen der Traumband, die Davis im Schlepptau hat. Oliver Kent, ein großartiger Pianist, Wegbereiter, Kommentator und selber ein ausgefuchster Solist. Martin Zenker am Kontrabass, mit langjähriger Birdland-Erfahrung und auch er heute solistisch bravourös wie selten zuvor. Schließlich Mario Gonzi am Schlagzeug, der immens dichte Teppiche in verschiedensten rhythmischen Knüpftechniken webt, auf denen seine Kollegen sich bravourös entfalten können und als Solist Schwerarbeit leistet und dabei wirkt, als sei das die einfachste Sache der Welt.

Noch vor der Pause liefert die Band mit ihrer Version von Richard Rodgers‘ „Little Girl Blue“ ihr Meisterstück für diesen Abend ab. Schöner, ergreifender, emotionaler kann man dieses Stück wohl kaum spielen. Davis‘ stilistische Ausrichtung zwischen süffigem Swing und kantigem Hardbop kann man exemplarisch ablesen an „You’ll Never Know“ von Harry Warren, das ständig zwischen Uptempo-Beat und Swing hin- und herkippt, selbstverständlich flankiert von der entsprechenden Spielweise auf dem Saxofon. Und der Blues? Nachdem Davis doch aus New Orleans kommt? Nun, der schwingt immer mehr mit, je näher sich der Abend seinem Ende zuneigt.

„Ich bin ein alter Mann“, sagt Davis breit grinsend am Ende des Konzerts. „Mein Bett ruft und ich muss noch meine Abendtabletten nehmen“. Aber auch wenn er alles gegeben hat, ohne Zugabe lässt ihn das Publikum nicht gehen. Schon gar nicht nach einem so berauschenden Abend wie diesem.